Grenzgang

Gespräch der Künstlerin Ina Holitzka mit dem Physiker (und Zeichner) Roland Wengenmayr. Anlass ist Ina Holitzkas Schau „Simili – Parzellen“ in der Kunstausstellung „papier=kunst 6“ im Neuen Kunstverein Aschaffenburg (28.6. – 24.8.2008). Dabei machte die Künstlerin mit großen Seidenpapierbögen Abformungen des Dielenbodens im Ausstellungsraum. Danach schnitt sie Wortbilder aus diesen Bögen. Bögen und Wortbilder hängen nun an den Wänden des Raums.

Ina: Wir werden beide gerne als Grenzgänger tituliert, Du als Physiker und ich als Künstlerin. Mich interessiert, mit welchen Gedanken und Assoziationen Du auf Begriffe und Fragen schaust, die mich künstlerisch beschäftigen.
Im Neuen Kunstverein Aschaffenburg habe ich einen Durchgangsraum ausgewählt, der mich fasziniert, da er sehr beredt ist - ich kann ihn regelrecht belauschen. In meinem Raum hört man seine Schritte extrem. Das Gehen wirkt im wahrsten Sinne des Wortes und jeder Besucher ist auch Akteur und trägt dazu bei, dass der Raum in Schwingung kommt.

Roland: Da fällt mir sofort aus der Physik der Resonator ein. Resonanz passiert zum Beispiel auch in einer Geige. Ihr Resonanzkörper hat Öffnungen nach außen. Da kann was rein und raus und zugleich verstärkt es bestimmte Schwingungen. Und in der Physik spielt der Resonator eine ganz entscheidende Rolle. Im Grunde sind viele quantenmechanische Systeme Resonatoren. Sie verhalten sich wie solche Instrumentenkästen mit Saiten, und diese Saiten schwingen beim Vielfachen von ihren Grundwellenlängen und die verstärken sich darin. Das ist auch so mit den Elektronen in den Quantenzuständen um ein Atom.

Ina: Resonanzfeld ist für mich ein Begriff, der bei mir total viel bewegt. Vor Ort zu arbeiten bietet mir die Möglichkeit, auf Angebote, die der Raum für mich bereithält, mit vielfältigen Wahrnehmungsformen einzugehen und in eine vielschichtige visuelle Form zu bringen. Die spannende Frage ist inwiefern baut sich solch ein Resonanzfeld auf, das natürlich einen Rezipienten braucht und weitere Assoziationen und Aktivitäten bewirkt.

Roland: Genau, richtig. Du hast vielfältige Resonanz. Du hast Resonanz über deine Kunstwerke. Du hast Resonanz in deiner Arbeit als Kunstlehrerin. Und Du verarbeitest das ja auch permanent wieder weiter und verstärkst dann wieder bestimmte Signale, die Du bekommst.

Ina: Verortung – ein Begriff, besser Zustand, der mich seit über zwanzig Jahren intensiv beschäftigt und der mit der Papierabformung einer Atelierecke anfing. Mich auf das kleinste Fragment des Raumes zu beschränken eröffnete mir Perspektiven, den Raum und somit auch mich, anderes zu erleben und zu begreifen. Das Arbeiten vor Ort schafft eine intensive Wahrnehmung auf unterschiedlichen Ebenen – wie das Dazwischen aller Dinge, Räume, auch Zwischenräume, den Menschen, seine Gedanken und Zeiträume. Mich interessieren die drei Aspekte des Seins in ihrer Wechselwirkung als Wahrnehmender, als Wahrgenommenes und als Ding an sich, als Substanz.

Roland: In der Physik gibt es ein ganz großes Dazwischen. Wenn man zum Beispiel Atome anschaut, dann sind die hauptsächlich leer: Zwischen der Elektronenwolke und dem Kern besteht eine riesige Leere, denn der Kern ist winzig. Unsere ganze Materie ist aus solchen leeren Zwischenräumen aufgebaut - das ist ganz faszinierend. Diese Zwischenräume sind aber nur scheinbar leer. Wenn man das Vakuum genau anschaut, dann ist es alles andere als leer. Nach der Quantenphysik ist es erfüllt mit brodelnder Energie, mit Teilchen. Diese so genannten virtuellen Teilchen entstehen aus dem Nichts heraus und vergehen wieder. Sie sind aber strengen Regeln unterworfen, weshalb sie nicht real werden. Gleichzeitig haben sie völlig reale Konsequenzen, weil sie die Kräfte zwischen Materieteilchen vermitteln.

Ina: Seit vielen Jahren begleitet mich die Idee der similis, das heißt „ähnlich“ auf Lateinisch. In vielen Werkgruppen überführe ich Fragmente eines Ortes in unterschiedliche Zustände und arbeite mit Positiv und Negativ. Die Filzschnitte im simili-Zyklus basieren wiederum auf einem „Modul“ - immer das selbe, doch individuell anders ausgeprägt in ihrer Ausrichtung und Erscheinung. Auch in der Sprache finde ich Verwandtschaften und arbeite mit Texten und Wörtern der Fortbewegung - mit Wortbildern des Gehens, Kommens und Stehens. Gerne als Imperativ - denn je nach Perspektive erscheinen sie als Befehl, Ratschlag oder Einladung. So auch jetzt in den vor Ort entstandenen Papierabformungen des Fußbodens, die wiederum in der Negativ-Ansicht zu sehen sind. Mit Skalpell fein säuberlich schneide ich Wortbilder aus den Abformungen, die unterschiedliche Ausrichtungen haben. Die freigelegten Buchstaben sind eigenständig und bilden Spuren und Verdichtungen.

Roland: Meine Assoziationen: Einmal machst du aus dem ausgeschnittenen „Innenleben“ der Worte ja eigene Wandskulpturen. Das ist sozusagen eine Verfremdung von Information, weil sie als solche nicht mehr erkennbar ist. Die Information nimmt aber zugleich eine neue Form an, sie wird neu in-formiert. Das erinnert mich stark an die Biologie, nämlich: in unseren Zellen gibt es die DNS, die genetische Information in sich trägt. Die wird in der Zelle normalerweise in den Chromosomen enorm gefaltet und so optimal platzsparend untergebracht. Danach kann man die Doppelhelix nicht mehr erkennen. Wenn die Information gelesen wird, dann wird ein Teil davon so zu sagen aufgespleißt, auseinander gewickelt und dann geöffnet wie ein Reißverschluss. An dieser geöffneten Stelle der Doppelhelix kann die genetische Information abgelesen werden.

Die Wortbilder Deiner Papierabformungen erscheinen, je nachdem von welcher Seite man sie sieht, richtig herum oder gespiegelt. Das ist im Grunde eine Symmetrie zweier Blickpunkte. Eine grundlegende Erkenntnis der Physik hat zu tun mit Materie und Antimaterie. Antimaterie erhält man tatsächlich, wenn man mathematische Operationen macht und dabei die physikalischen Eigenschaften gewissermaßen dreht und spiegelt. Und das Interessante ist: Materie und Antimaterie sind fast perfekt spiegelbildlich. Und wenn sie aufeinander treffen, entsteht reine Energie. Aber es gibt kleine Brüche in dieser Symmetrie. Die Materie ist ein kleines bisschen anders als Antimaterie, mit enormen Folgen. Am Anfang unseres Kosmos entstand nämlich fast genauso viel Antimaterie wie Materie, die sich daraufhin gegenseitig wieder vernichteten. Aber ein kleiner Überschuss an Materie, ein winziger Webfehler, sorgte dafür, dass es uns heute gibt. Soweit wir wissen, ist das nämlich Weltall, sind die ganzen Galaxien um uns herum, alle aus Materie.

Ina: Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an einen Vortrag* Deines Kollegen, des Astrophysikers Thomas Bührke, über den Urknall - mir wurde damals recht schwindelig. Vielleicht suche ich deshalb nach Raumgrenzen und hinterfrage vorgegebene Hüllen haptisch und optisch - Gibt es eine Grenze? In dem Vortrag* des Frankfurter Biologieprofessors Jürgen Bereiter-Hahn über die Zellforschung war ich fasziniert über seine Ausführungen, wann das erste Mal tatsächlich von Leben zu sprechen ist. Mit meinen Papierabformungen von real existierenden Raumfragmenten habe ich immer das Gefühl, ihnen für eine kurze Zeit eine Hülle zu geben und selber eine Ansicht aus der Sicht der Dinge zu erhalten. Das Papier reagiert seismografisch und nimmt auf, was es bekommt, wie eine Membran.

Roland: Die Voraussetzung für Leben ist so ein geschützter Raum, der gleichzeitig auch in engster Wechselwirkung mit der Umwelt steht. Und die Zelle braucht diesen Schutz für ihre Lebensfunktion – die Zellmembran, die das Innere der Zelle von der Außenwelt trennt. Sie fasst dieses Innere zusammen, verortet es und schützt die darin ablaufenden Lebensprozesse. Gleichzeitig ist sie durchlässig. Sie hat sogar richtige Poren, damit sie Stoffe, die lebenswichtig sind, mit der Umgebung austauschen kann, zum Beispiel Wassermoleküle. Zellmembranen haben noch eine bemerkenswerte Eigenschaft, die ich genau so bei deinen Papierabformungen hier sehe. Das ist ein ganz zartes Material, ganz dünn, und trotzdem enorm stabil. Die Zellmembran besteht eigentlich nur aus zwei übereinander gelagerten Molekülschichten. Papier besteht ja auch nur aus einer sehr dünnen Faserschicht. Trotzdem ist es erstaunlich stabil, was auch für die nur wenige Nanometer (Milliardstel Meter) dünne Zellmembran gilt.

Ina: Bei den Abformungen erlebe ich mein Papier, ein extrem dünnes, hadernhaltiges Seidenpapier, in den unterschiedlichsten Aggregaten. Als äußerst fragil und anschmiegsam im nassen, bis unter drastischer Spannung stehend im getrockneten Zustand. Überraschend ist immer die Abnahme vom Boden nach ein paar Tagen: was der Ort freiwillig abgegeben hat, wie jetzt der unheimlich knarrende und sehr alte unbehandelte Holzboden im Kunstverein. Das Papier wurde sozusagen von den Dielen farbig gefasst mit Partikeln und Farben, die sich einlagerten oder aufgesogen wurden, wie von einem Schwamm.

Roland: Ich assoziiere damit sofort, dass in dem Papier sicher auch Moleküle von Menschen drin sind - Spuren, von Menschen, die es vielleicht schon lange nicht mehr gibt, die früher in diesen Räumen waren. Genau so wie Spuren von heute lebenden Menschen, die jetzt durch den Raum laufen.

Ina: Bewegung heißt, einen Standort, Standpunkt zu verlassen, mich in mehrere Richtungen und Ebenen zu bewegen allein und gemeinsam - diese auszuloten und darin zu schwingen. Wohin, wie weit? Das macht neugierig - auch mich weiterhin herzhaft dilletanisch der Wissenschaft zu öffnen. Danke für unser Gespräch!


* Vortragsveranstaltungen des Frankfurter Salons „Institut für intersubjektive Reisen“.