2 Minuten - 20 Minuten - 2 Stunden - 20 Stunden

Wenn ich das Gesicht |einer Frau|eines Mannes|eines Kindes| in einem Portrait einfangen will, kann ich zur Kamera greifen. Beim Portrait hat die Fotografie die klassische Malerei ohnehin verdrängt. Wie Malerei kann die Fotografie das Modell inszenieren. Kameratechnik und digitale Nachbearbeitung erlauben Bildkompositionen, wie sie früher nur Malern zugänglich waren. Folglich scheint es logisch zu sein, dass die Epoche der handgemachten Bilder zu Ende ist.

Trotzdem greife ich immer noch |zum Stift|zur Feder|zum tuschegesättigten Stoffstück|. Mit meiner Hand mache ich ein Portrait eines lebendigen Menschen, niemals verwende ich Fotos als Vorlage. Nur die leibhaftige Anwesenheit des Modells ermöglicht die einzigartige Qualität, die allein Portraitzeichnung erreicht. Über diese Qualität weiß ich viel, denn ich habe buchstäblich Tausende von Menschen gezeichnet.

Fotografie hat ihre eigene Qualität. Sie folgt anderen Gesetzen. Beide Annäherungen an das menschliche Antlitz können zu wundervollen Bildern führen.

Aber sie sind komplementär.

Portrait-Zeichnungen sind kondensierte Zeit

Ein Gegensatz zwischen Fotografie und Zeichnung liegt in der Art, wie die Zeit in beide Techniken einfließt. Ein Portraitfoto ist ein Schnappschuss, auch wenn ihm eine stundenlange Vorbereitung voraus ging. Die Blende der Kamera springt für eine |10tel|100stel|1000stel| Sekunde auf und wieder zu. Das ist schnell im Vergleich zu unserer Wahrnehmung. Aus unserer Perspektive schneidet sie also ein scharfes Stück aus dem Zeitfluss. Das Foto ist ein Zeitatom, ein einzelner Beat im Rhythmus des Lebens.

Zeichnen braucht dagegen Zeit: |2 Minuten|20 Minuten| 2 Stunden|. Die Zeitspanne hängt von der Situation, den Wünschen des Modells und des Zeichners ab. Wenn du mein Modell bist und ich dich zeichne, dann tanzt |mein Stift|meine Feder|mein Finger|meine Hand| übers Papier. Mein Körper tanzt mit. Er hat sich dem Zeichnen angepasst wie ein |Tänzer der Schwerkraft|Pianist dem Flügel|Trompetermund dem Trompetenmundstück|. Das Blatt raschelt und singt im Rhythmus |des Stifts|der Feder|des Fingers|.

Zeichnen ist |ein komplettes Musikstück spielen|viele Beats schlagen|im Zeitfluss sein|. Die Portraitzeichnung ist das Resultat dieses Flusses. Sie ist kondensierte Zeit.

Die archaische Kraft der Portrait-Zeichnung

Wenn ich dich zeichne, schaust du mich an. Unsere Blicke treffen sich.

Wenn ich dich fotografiere, schaust du meine Kamera an. Unsere Blicke treffen sich nicht.

Hinter der Kamera verberge ich meinen Blick vor dir. Auch wenn du weißt, dass ich dich durch diese dunkle Linse anschaue, macht es dir nicht wirklich etwas aus. Die Evolution hat uns allein auf den direkten, unverstellten Blick programmiert.

Deshalb bewegt dich mein offener ungeschützter Zeichnerblick. Schaust du zurück, dann bewegt dein Blick mich den Zeichner. Du bist nicht wehrlos. Solange ich dich zeichne, treffen sich unsere Blicke intensiv. Wenn ich dich direkt anschaue, spürst du bis tief ins Kleinhirn, dass du im Fokus meiner Aufmerksamkeit stehst. Meine Aufmerksamkeit bedeutet ja etwas, das existenziell sein kann. Es kann wohlwollendes Interesse sein, vielleicht Liebe, aber auch das Zeichen für einen bevorstehenden Angriff. Also lässt eine archaische Angstlust deinen Adrenalinspiegel steigen, während ich dich zeichne. Mir dem Zeichner ergeht es unter deinem Blick genau so. Wir können diese Kraft auch in eine sanfte, meditative Nähe wandeln. Das erlebe ich oft. Wir müssen aber nicht.

Die enorme Energie des direkten Blicks entlädt sich in meine Zeichnung. Das geht aber nur, wenn ich ein guter Zeichner bin. Das bin ich, denn ich habe immer gezeichnet, mein ganzes Leben lang. Ich bin auch Zeichner, selbst wenn ich etwas anderes tue. Vielleicht ist das mit einem Buddhisten vergleichbar, der jede alltägliche Handlung aus seiner spirituellen Perspektive heraus erlebt. Deshalb kann ich auch diese archaische Energie in eine gute Portraitzeichnung transformieren.

Die besondere Kraft einer gelungenen Portraitzeichnung bleibt dem besten Portraitfoto unzugänglich. Dafür ist das Foto zu |schnell|flüchtig|distanziert|. Deshalb bevorzugen wir das Portraitfoto als Einrichtungsgegenstand an der Wand. Es macht |keine Angst|springt nicht an|bleibt brav in der Ecke|.

20 Stunden

Als Zeichner lebe ich im Hier und Jetzt des frühen 21. Jahrhunderts. Also verbinde ich die sinnliche, haptische Qualität des |echten Zeichnens|mit echter Tusche|auf echtem Papier| mit den Möglichkeiten der digitalen Welt. Für meine digitalen Portraits scanne ich eine Serie von Portraitzeichnungen eines Menschen ein. Im Bildbearbeitungsprogramm überlagere, zerlege, zerfasere ich diese Portionen kondensierter Zeit und setze sie zu einem ganz neuen Bild des Gesichts zusammen. Dabei arbeite ich aus der Erinnerung an das Modell. Gelingt das digitale Portrait, dann entsteht ein Bild mit einem starken visuellen Code. Er enthält die Essenz meiner Erinnerung |an dieses Gesicht|die intensiven Begegnungen|den Tanz mit dem Stift|.

Animation

Digitale Portraitzeichnungen eröffnen neue Möglichkeiten. Ich kann sie zum Beispiel in einen kurzen Animationsfilm verwandeln - das |stehende Bild| in |laufende Bilder|. Bei der Komposition der kleinen Animation spiele ich mit den einzelnen Elementen, aus denen das digitale Portrait entstanden ist. Wenn ich dich zeichne, wandert mein Blick über dein Gesicht. Mal sehe ich ein Detail scharf, dann das ganze Gesicht ohne Blick für die Details, dann die Linien und Farbkleckse auf meinem Blatt. Meine kurze Animation spielt dieses kleine visuelle Drama nach, ohne den echten Zeichenprozess in einem strengen Protokoll wiederzugeben. Das freie Spielen ist schöner.

Roland Wengenmayr

Frankfurt am Main, 12. April 2006